Posterous theme by Cory Watilo

Offener Brief zur Kernkraft in Deutschland

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Offener Brief an die Bundeskanzlerin, die politischen Parteien und Vertreter der Medien zu Stand und Art der Diskussion der Kernkraft in Deutschland

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrte Damen und Herren,

als Bürger dieses Landes und technik-interessierte Menschen haben wir die Unsachlichkeit der nach dem schrecklichen Unglück in Japan erneut aufkeimenden Debatte über die Kernkraft mit großem Unverständnis und Unmut verfolgt und uns dazu entschieden, mit diesem Brief für eine Rückbesinnung zur rationalen und faktenbasierten Debatte einzutreten.

Zu den Risiken der Kernkraft

Zunächst möchten wir betonen, dass wir Ihre Entscheidung begrüßen, die gegenwärtig in Deutschland betriebenen Kernkraftwerke nach dem Unglück in Japan erneut zu prüfen. Dies ist wichtig und richtig, denn aus jedem Schaden muss man lernen. Gleichzeitig verwundert es uns jedoch, dass Sie die Katastrophe in Japan als etwas „Undenkbares“ bezeichnet haben.

Nie haben seriöse Physiker oder Ingenieure bezweifelt, dass die Kernkraft Risiken birgt, oder behauptet, dass insbesondere alte Kernkraftwerke in jedem Fall gegen eine Kernschmelze gefeit wären, doch muss man klar für eine vernunftbetonte Debatte eintreten: Es scheint uns, dass sich die Diskussion in Deutschland stets auf Technologie aus dem letzten Jahrtausend konzentriert; auf Kraftwerke, deren Aufbau und Auslegung in den 1950er und 1960er Jahren entstanden und die aufwendig nachgerüstet wurden, um ihre Sicherheit zu verbessern.

Die Kraftwerke in Deutschland sind zwar vor vielen Katastrophenszenarien gefeit, aber es kann nicht verschwiegen werden, dass wir seit dem Bau der Anlagen viel hinzugelernt haben und nicht alle alten Anlagen ökonomisch sinnvoll nachgerüstet werden können. Diese Anlagen, das sollte selbstverständlich sein, müssen abgeschaltet werden. Doch aus diesem Zustand zu schlussfolgern, dass nie wieder ein Kernkraftwerk ans Netz gehen sollte, widerspricht in unseren Augen fundamental dem Verständnis einer Nation, deren Blick immer auf Innovation und Fortschritt gerichtet war.

Uns widerstrebt es, dass die Diskussion über die Kernkraft im „Land der Ideen“, in einem Land, welches sich über seine Exzellenz in Forschung und Hochtechnologie definiert, von Plattitüden, Lippenbekenntnissen und Halbwahrheiten geprägt ist, dass industrielle Befürworter und Betreiber auf der einen Seite für ihre teils veraltete Technik eintreten, während die Gegner auf der anderen Seite stets genau diese kritisieren – und daraus, in unseren Augen unzulässig, den Schluss ziehen, dass alle Kernkraft zu verdammen sei.

Mit keinem Wort möchten wir dabei suggerieren, dass man nicht aus den Problemen, welche in Fukushima aufgetreten sind, lernen muss – das muss man. Doch es muss auch betont werden, dass dies in vielen Bereichen bereits passiert ist: neuere Siedewasserreaktoren korrigieren eine Reihe der Schwächen des Aufbaus, der in Fukushima zum Einsatz kam, andere Reaktoren haben jene Schwächen gar nicht. Wie jede andere Technologie hat sich die Kernkraft in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt und die Entscheidung aus ihr „auszusteigen“, ohne Wenn und Aber, erscheint uns, als ob man die heutige Mercedes S-Klasse verbieten wolle, weil das Vorgängermodell aus den 1970ern nicht den heutigen Sicherheitsstandards entspricht.

Was in Fukushima geschehen ist, soll damit nicht relativiert oder verharmlost werden, aber es soll darauf hingewiesen werden, dass die Welt vor großen Herausforderungen steht, dass der Klimawandel und die steigende Weltbevölkerung ein Umdenken in der Energieerzeugung erfordern. Es ist daher wenig angemessen, die externen Kosten der Alternativen der Kernkraft zu verharmlosen, nur weil sie nicht mit Reizworten belegt sind oder ihre Opfer in fernen Ländern bzw. „auf Raten“ anfallen.

Eine ergebnisoffene und fundierte Diskussion

Dieser Brief soll aber auch nicht die Position vertreten, dass der Atomausstieg einfach rückgängig zu machen ist und morgen damit begonnen werden soll, neue Kernkraftwerke zu bauen – er soll vielmehr darauf hinweisen, dass die Diskussion in unseren Augen unter falschem Vorzeichen geführt wird. Es erscheint uns widersinnig, in Anbetracht der Herausforderungen der Zukunft kategorisch auf eine Technologie zu verzichten, die ob ihrer Energiedichte und weitgehenden CO2-Freiheit prädestiniert scheint, in Zukunft eine große Rolle zu spielen. Insbesondere dann, wenn sich die Gegenargumente oft auf Probleme konzentrieren, die mit modernen Reaktoren gar nicht mehr auftreten.

Deutschland selbst ist über EURATOM und das Generation-IV-Forum an Lösungen für viele der Probleme sowohl in der Sicherheit als auch in der Endlagerung beteiligt – und wir wünschen uns, dass dies mehr zur Sprache kommt. Keine Frage, keiner der Generation-IV-Reaktoren ist morgen einsatzbereit, aber doch zeigen diese Reaktorvarianten, ebenso wie die Vorgänger der Generationen III und III+, dass sich die Kernkraft weiterentwickelt hat und dass sowohl neue Brennstoffe wie beispielsweise Thorium als auch bessere Sicherheitskonzepte viele Fragen beantworten und Ängste beruhigen können.

Fukushima Daiichi war ein Kraftwerk mit Reaktoren der zweiten Generation, während wir bei den heutigen Reaktoren von Typen sprechen, die in ihrem Grundkonzept 50 Jahre weitere Entwicklung genossen haben: in einigen von diesen wären die Ereignisse von Fukushima tatsächlich „undenkbar“ gewesen – nicht im Sinne eines Stilmittels der Rhetorik, sondern weil aus Schwächen und Fehlern früherer Auslegungen gelernt wurde und Probleme gelöst wurden.

Ob man sich nach einer fundierten und vernünftigen Diskussion dazu entscheidet, Kernkraft in Deutschland wieder, dauerhaft oder temporär, einzusetzen, soll ganz selbstverständlich offen bleiben – dies liegt in den Händen der Bürgerinnen und Bürger Deutschlands. Doch eine Entscheidung auf Basis einer rein emotional und polemisch geführten Debatte ohne Rückgriff auf moderne Lösungsmöglichkeiten erscheint uns falsch.

Es ist verständlich, dass viele Bürger Angst vor der Kernkraft haben, doch wir glauben, dass diese Angst primär darin begründet liegt, dass in den letzten Jahren kaum fundiert über dieses Thema gesprochen wurde. Die Debatte zerfiel schon im Keim in die vehementen Gegner und Befürworter, und selbst Leitmedien reklamierten, wenn sie darüber Bericht erstatteten, eine der Extrempositionen für sich und unterließen es, zur Reflexion aufzurufen.

Jede Technologie birgt – ebenso wie jede Entscheidung – ihre Risiken, und in einer Welt, die mit jedem Tag komplexer wird, muss man sich diesen stellen. Man muss offen nachdenken und über sie sprechen, bevor man abwägt, was vertretbar ist – einfach abzuschalten, die Diskussion gar nicht aufkommen zu lassen, ist einem „Land der Ideen“ unwürdig.

Wir sehen moderne und sichere neue Kernkraftwerke als einen wichtigen möglichen Bestandteil in einem zukunftsfähigen Energiemix an und glauben nicht, dass die Kernkraft, ohne gute, heute noch tragfähige, Gründe einfach abzulehnen ist. Wir würden uns daher wünschen, dass die Erörterung und Diskussion moderner Formen der Energieerzeugung durch Kernkraftwerke Einzug in die öffentliche Debatte findet.

In diesem Sinne verbleiben wir, die Unterzeichnenden,

 

Jens Wiechers,
Dominik Wondrousch,
Thomas Heichele,
David Stingl,
Claus-Dieter Volko,
Volker Lang,
Pablo J. Tamen,
Bernd Schimmelpfennig,
Oleg Valpa,
Isabella Holz,
Benjamin Fritzsch.

Weitere Unterzeichner:

Martin Graf,
Annette Hartmann,
Maik Gralki,
Felix Gabriel,
Axel Schmidt,
Kai Frederking,
Danielle Hoja,
Winfried Maier,
Sebastian Carlsdorf,
Karl-Heinz Hermann,
Norbert Ost,
Oliver Golly,
Sarina Balkhausen,
Thomas Ferge,
Hans-Georg Michna,
Thomas Mann,
Michel Kather,
Robert Aimer,
Simon Wild,
Florian Lotz,
Rasmus Kiehl
Ralf Hermann,
Reinhold Seelig,
Rainer Reelfs,
Tuan Dinh,
Till Röttger,
Christian Hofman,
Frank Linden,
Philipp Rachor,
Thomas Hoffmann,
Julian Ramcke,
Matthias Wühl,
Andre Kneifel,
Michaela Kather,
Dennis Schuh,
Denise Claeys,
Sophie Lackner,
Christian Fertl,
Dominik Manegold,
Klaus Schlenstedt,
Olaf Helwig

Sowie 13 weitere Personen die darum baten Ihren Namen nicht online zu veröffentlichen. 
Aus Gründen der Vereinfachung bei der Listenführung wurde online auf die Angabe von Titeln verzichtet. 

 


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Informationen
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Sollten Sie weitere Informationen wünschen wenden Sie sich bitte ebenfalls an obkernkraft@googlemail.com.

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